Mit dem 9€-Nahverkehrsticket der Bundesregierung wird einer der für mich persönlich wichtigsten staatlichen Nachteilsausgleiche nutzlos: nicht barrierefreien ÖPNV zu einem ähnlichen Preis nutzen zu können. Thread.

Ich kann den ÖPNV aktuell nur sinnvoll nutzen, wenn es leer ist - auf fremden Linien, die ich zum ersten Mal befahre sehr viel stärker als auf meinen Stammlinien. Meine Sehkraft und mein Orientierungsvermögen reichen nicht aus, um mich unter vielen Leuten zurechtzufinden.

Es macht mir jetzt schon große Angst, in Busse zu steigen, von denen ich weiß, dass beispielsweise eine große Gruppe Schüler*innen zusteigen könnte, die gerade zur Schule oder zurück nach Hause fahren möchten, und deswegen versuche ich es zu vermeiden, diese Fahrzeuge zu nutzen.

Schüler*innen sind aber besser berechenbar als Rentner*innen-Ausflugsgruppen, Junggesell*innenabschiede oder der massive zuwachs von Pendler*innen in der Stadt, wenn sie das 9€-Ticket ausprobieren, ohne dass gleichzeitig das Angebot der Vekehrsbetriebe massiv ausgeweitet wird.

So wird jede einzelne Fahrt dann wieder zum Stressfaktor - auch wenn nichts passiert - und beeinträchtigt meine Leistungsfähigkeit am Ziel wahrscheinlich erheblich. Das Auto ist für mich keine Alternative, denn ich kann, darf und möchte nicht selbst fahren - ich brauche den ÖPNV.

Taxi-Leistungen sind bei meinem aktuellen Budget selbst für kurze Strecken nicht machbar, Fahrradfahren viel zu gefährlich wenn man quasi nichts sieht, und Fußwege viel zu zeitintensiv und immer über gefährliche Straßen, weil die Stadt für Autos geplant wurde.

Versteht mich nicht falsch, ich freue mich über die Möglichkeit für alle, endlich easy & günstig den ÖPNV nutzen zu können, aber diese rapide Umsetzung stellt mich vor neue Probleme, die ich lieber nicht haben wöllte. Und sie nimmt mir einen Nachteilsausgleich, der auf ...

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verschiedenste Arten so viel kompensiert hat - allein der Stress mit nicht nutzbaren Ticketautomaten und völlig umständlichen Websites, ein seltenst überfüllter Nahverkehr, eine barriereärmere Möglichkeit, fremde Städte zu entdecken und Menschen zu treffen, und so viel mehr.

Würde mich freuen, wenn diese Belange in der Politik künftig ein Ohr finden, bevor solche Maßnahmen schnell flächendeckend ausgerollt werden.
Rollstuhlfahrer*innengerechtigkeit ist nur ein Teil der Barrereifreiheit im ÖPNV, aber nichtmal der läuft richtig.

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